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documenta 14 Kassel: Von Athen lernen - Ausstellung in Kassel

Künstler: Abounaddara, Nabil Ahmed, Akinbode Akinbiyi, Mounira Al Solh, Nevin Aladag, Alexander Alberro, Elizabeth Allen-Cannon, Maria Thereza Alves, Daniel García Andújar, Danai Anesiadou, Andreas Angelidakis, Katerina Anghelaki-Rooke, Annie Vigier & Franck Apertet, Aristide Antonas, Rasheed Araeen, Michel Auder, Alexandra Bachzetsis, Nairy Baghramian, Vidura Jang Bahadur, Pierre Bal-Blanc, Sammy Baloji, Arben Basha, Andrew Bearnot, Beau Dick, Rebecca Belmore, Stefan Benchoam, Mustapha Benfodil, Sokol Beqiri, Franco Berardi, Roger Bernat, Bili Bidjocka, Wang Bing, Ross Birrell, Llambi Blido, Nomin Bold, Pavel Braila, Geta Bratescu, Jan Brugger, Lucius & Annemarie Burckhardt, Miriam Cahn, María Magdalena Campos-Pons, Evan Carter, Barbara Casavecchia, Lucien Castaing-Taylor, Mariana Castillo Deball, Vija Celmins, Banu Cennetoglu, Panos Charalambous, Nikhil Chopra, Ciudad Abierta, Anna Daucíková, Moyra Davey, Yael Davids, Niño de Elche, Clémentine Deliss, Agnes Denes, Mahasweta Devi, Manthia Diawara, Angela Dimitrakaki, Elsa Dorlin, Maria Eichhorn, Hans Eijkelboom, Fouad Elkoury, Bonita Ely, Theo Eshetu, Aboubakar Fofana, Marina Fokidis, Hendrik Folkerts, Ein Friedhof, Peter Friedl, Regina José Galindo, Guillermo Galindo, Israel Galván, Pélagie Gbaguidi, Apostolos Georgiou, Yervant Gianikian, Gauri Gill, Natasha Ginwala, Marina Gioti, Édouard Glissants, Beatriz González, Douglas Gordon, Stathis Gourgouris, Hans Haacke, Joana Hadjithomas, Constantinos Hadzinikolaou, Irena Haiduk, Ganesh Haloi, Anna Halprin, David Harding, Dale Harding, Maria Hassabi, John Hejduk, Edi Hila, Susan Hiller, Hiwa K, Olaf Holzapfel, Gordon Hookey, Candice Hopkins, Kyle Hossli, Satch Hoyt, iQhiya, Sanja Ivekovic, Khalil Joreige, K. G. Subramanyan, Amar Kanwar, Bhanu Kapil, Christos Karakepelis, Romuald Karmakar, Andreas Ragnar Kassapis, Frédéric Keck, Bouchra Khalili, Pandurang Khankhoje, Daniel Knorr, Katalin Ladik, David Lamelas, Quinn Latimer, Neil Leonard, Rick Lowe, Alvin Lucier, Antonio Vega Macotela, Ibrahim Mahama, Georgios Makris, Britta Marakatt-Labba, Narimane Mari, Marie Cool Fabio Balducci, Mata Aho Collective, Mattin, Tshibumba Kanda Matulu, Joaquín Orellana Mejía, Jonas Mekas, Angela Melitopoulos, Phia Ménard, Lala Meredith-Vula, Gernot Minke, Marta Minujín, Tina Modotti, Naeem Mohaiemen, Negros Tou Moria, Hasan Nallbani, Joar Nango, Mari Narimane, Rosalind Nashashibi, Joan Naviyuk Kane, Ben Nicholson, Otobong Nkanga, Linda Nochlin, Kettly Noël, Emeka Ogboh, Olu Oguibe, Rainer Oldendorf, Pauline Oliveros, Joaquín Orellana, Neni Panourgiá, Christos Papoulias, Véréna Paravel, Benjamin Patterson, Ben Patterson, Synnøve Persen, Dan Peterman, Alejandra Pizarnik, Angelo Plessas, Nathan Pohio, William Pope L, Postcommodity, Paul B. Preciado, Prinz Gholam, R. H. Quaytman, Gene Ray, Angela Ricci Lucchi, Jolene Rickard, Lisa Robertson, Glauber Rocha, Abel Rodríguez, Dieter Roelstraete, Pedro G. Romero, Tracey Rose, Roee Rosen, Lala Rukh, Arin Rungjang, Ben Russell, Georgia Sagri, Sámi Artist Group, Khvay Samnang, Thomas Sankara, Julio Santos, Máret Ánne Sara, Savitri Sawhney, Ashley Hans Scheirl, David Schutter, Nilima Sheikh, Ahlam Shibli, Brandon Shimoda, Zef Shoshi, Gayatri Chakravorty Spivak, Annie Sprinkle, Eva Stefani, Beth Stephens, Sven Stilinovic, Vivian Suter, El Hadji Sy, Monika Szewczyk, Terre Thaemlitz, Alejandro Torún, Ariuntugs Tserenpil, Piotr Uklanski, Rajesh Chaitya Vangad, Yorgos Vassiliou Makris, Françoise Verges, Cecilia Vicuña, Lois Weinberger, Stanley Whitney, Elisabeth Wild, Kaelen Wilson-Goldie, Ruth Wolf-Rehfeldt, Ulrich Wüst, Zafos Xagoraris, Shanna Zentner, Sergio Zevallos, Vivian Ziherl, Artur Zmijewski, Mary Zygouri
Ausstellung: 10/06/2017 - 17/09/2017
Veranstalter: documenta
Stadt: Kassel
Homepage: www.documenta.de

Auf Einladung der Kunsthochschule Kassel fand dort am 6. Oktober 2014 das Symposion »documenta 14, Kassel: Von Athen lernen« statt. Bei der vom Künstlerischen Leiter Adam Szymczyk und seinem Team organisierten Veranstaltung wurden erste wichtige Mitglieder der organisatorischen Struktur der kommenden documenta vorgestellt und wesentliche Ideen sowie thematische Anliegen der 2017 stattfindenden Ausstellung diskutiert.
Seit der Gründung der documenta 1955 ist die Stadt Kassel Gastgeberin der Ausstellung. Die documenta war im Laufe ihrer dreizehn Ausgaben Gastgeberin zahlreicher Künstlerinnen und Künstler sowie anderer Kulturschaffender aus aller Welt. Doch letztlich scheint diese Gastgeberrolle – samt allen Privilegien, die diese mit sich bringt – nicht länger haltbar und verlangt förmlich nach einer, wenn auch nur temporären, Infragestellung. Davon ausgehend stellte Szymczyk die geplante Doppelstruktur der documenta 14 vor: Die documenta 14 wird 2017 einen zweiten Schauplatz – Athen – einführen und damit Kassel und die griechische Hauptstadt zu gleichberechtigten Ausstellungsorten machen. Die documenta wird damit ihre unangefochtene Position als Gastgeberin zugunsten einer anderen Rolle ruhen lassen: der Rolle des Gastes in Athen.
Szymczyk merkte an, dass diese Entscheidung auf vielfältigen grundsätzlichen Überlegungen basiert. Diese hängen mit der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Situation in Europa und weltweit zusammen, die künstlerisches Handeln motiviert. Darüber hinaus lassen sie es notwendig erscheinen, dass sich in der documenta 14 die greifbaren Spannung zwischen dem Norden und dem Süden – die in der zeitgenössischen kulturellen Produktion reflektiert, artikuliert und gedeutet wird – manifestiert. Teil dieser Herausforderung ist es, die Fallen einer binären Logik zu umgehen und die sich wandelnden Wirklichkeiten nachhallen zu lassen. Anstelle eines einzigen Spektakels mit einem festem Ort und einer klaren zeitlichen Struktur, wie sie für internationale Großausstellungen charakteristisch sind, wird die documenta 14 zwei Durchläufe umfassen, die sich zeitlich und räumlich in einem dynamischen Gleichgewicht befinden.
Die Distanz zwischen Kassel und Athen wird die Erfahrung von Besucherinnen und Besuchern der documenta 14 grundlegend beeinflussen. Die beiden weit voneinander entfernten Ausstellungen erzeugen eine geografische und mentale Verschiebung, die ein Gefühl des Verlusts und der Sehnsucht auslösen und so die Wahrnehmung der Ausstellung modifizieren können; dies wirkt Vorstellungen von Verwurzelung entgegen und widerspricht der verbreiteten normativen Annahme, dass eine solche Ausstellung nur als eine Einheit von Handlung, Ort und Zeit bestehen kann. Die documenta 14 hinterfragt diesen Status quo und wird versuchen, ein Vielzahl von Stimmen in, zwischen und jenseits der beiden Städte einzubeziehen, in denen sie stattfindet. Vom Standpunkt der Metropole am Mittelmeer ausgehend, wo sich Afrika, Naher Osten und Asien gegenüberstehen, öffnet sie sich über den europäischen Kontext hinaus. Die unterschiedlichen und auseinanderstrebenden Standorte und soziökonomischen Rahmenbedingungen von Kassel und Athen werden sich auf den Entstehungsprozess der Ausstellungen auswirken und zugleich jedes einzelne Kunstwerk inspirieren und prägen. Die an der documenta 14 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler werden eingeladen, ihre Arbeiten innerhalb der Dynamik zwischen den beiden Städten zu konzipieren und zu produzieren.
Geplant ist, dass die documenta 14 im April 2017 in Athen und zwei Monate später, am 10. Juni, in Kassel eröffnet wird. So wird gewährleistet, dass es einen Monat gibt, in dem beide Teile der Ausstellung parallel stattfinden. Beide Ausstellungen werden als autonome Projekte für diverse markante Standorte in Athen und Kassel entwickelt, wobei sie einander inhaltlich beeinflussen, ohne sich formal zu wiederholen. Anstatt ein in Kassel vorgefertigtes Event an einem oder mehreren pittoresken Schauplätzen in Athen »abzusetzen«, will die documenta 14 von der Stadt und ihren Einwohnern lernen. Die documenta 14 wird nicht nur die Summe zweier Bestimmungsorte sein, sondern sich in einem dreijährigen Prozess des Lernens und der Wissensproduktion entwickeln und dazu beitragen, an beiden Orten Räume für öffentliches Leben zu schaffen. Die Communitys beider Städte werden in diesen Prozess einbezogen und an dem Projekt mitarbeiten. 2013/14 haben in Athen bereits einige aufschlussreiche Treffen mit dortigen Kulturproduzenten, die die kulturelle Vielfalt wie die Widersprüche des heutigen Griechenlands repräsentieren, stattgefunden; auch wurde eine anhaltende Diskussion über die Zusammenarbeit mit bestimmten Kulturinstitutionen der Stadt begonnen. Parallel dazu fanden solche Gespräche in Kassel statt.
Griechenland ist 2014 kein Einzelfall; es ist Sinnbild für eine sich rapide verändernde globale Situation und verkörpert die wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Dilemmas, mit denen sich Europa heute konfrontiert sieht – ähnlich wie Kassel 1955 für die Notwendigkeit stand, mit dem Trauma der Zerstörung, das der Nationalsozialismus in Deutschland mit sich gebracht hatte, umzugehen, und gleichzeitig als strategisch bedeutsamer Ort im beginnenden Kalten Krieg diente. Athen ist beispielhaft für die aktuellen Probleme, die über die sprichwörtliche Vorstellung von der »griechischen Krise« hinausgehen, denn tatsächlich sind diese Probleme ebenso europäische und globale wie griechische, und sie sind keineswegs gelöst. Doch sie bieten uns eine Möglichkeit, der Vorstellungskraft, dem Denken und dem Handeln einen Raum zu eröffnen, anstatt sich an dem entmachtenden neoliberalen Spiel zu beteiligen, das sich selbst als (Nicht-)Handlungsoption in Gestalt der (Nicht-)Wahlmöglichkeit der Sparpolitik präsentiert. Die Wahl des Zeitpunkts und des Standorts Kassel waren 1955 eben jene Faktoren, die es der documenta ermöglichten, sich zu einem Projekt zu entwickeln, das inzwischen seit mehr als einem halben Jahrhundert Bestand hat; doch die soziopolitischen Parameter, die die Dringlichkeit der documenta ausmachten, sind heute nicht mehr wirksam. Dieses Gefühl der Dringlichkeit muss daher anderswo gefunden werden.
Szymczyk und sein Team schlossen mit der Bemerkung, dass die documenta 14 – mit ihrer temporären Verlagerung und Verdoppelung der Perspektiven – jene künstlerischen Strategien ermöglichen könnte, die nach der Realität einer zeitgenössischen Welt greifen – einer Welt, die als Ort für eine aus Individuen bestehende Multitude verstanden wird und nicht als ein Territorium, das von hegemonialen Beziehungen definiert wird, die sie für viele zu einem Ort des Leidens und des Elends machen. Diese Welt, die größer ist als Deutschland oder Griechenland, wird das Thema der Ausstellung sein.