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Preis der Nationalgalerie 2017 - Ausstellung in Berlin

Künstler: Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna, Agnieszka Polska
Ausstellung: 29/09/2017 - 14/01/2018
Veranstalter: Hamburger Bahnhof Berlin
Stadt: Berlin
Homepage: http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/hamburger-bahnhof/home.html
Jumana Manna, Sol Calero, Iman Issa, Agnieszka Polska (f.l.t.r.) © Photo: David von Becker

Im Herbst 2017 wird zum neunten Mal der Preis der Nationalgalerie verliehen. Alle zwei Jahre werden vier Künstlerinnen und Künstler, die jünger als 40 sind und in Deutschland leben und arbeiten, für den Preis nominiert. In diesem Jahr fiel die Entscheidung der internationalen Jury auf Sol Calero (geb. 1982 in Caracas), Iman Issa (geb. 1979 in Kairo), Jumana Manna (geb. 1987 in Princeton) und Agnieszka Polska (geb. 1985 in Lublin). Der Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin stellt die in Berlin lebenden Künstlerinnen in einer gemeinsamen Ausstellung vor.
Die Positionen der diesjährigen Nominierten spiegeln nicht nur das breite internationale Spektrum der Kunstszene in Deutschland wider. Alle vier Künstlerinnen führen mit ihrem medienübergreifenden Schaffen keinen rein künstlerischen Diskurs, sondern nehmen Bezug auf gesellschaftliche Prozesse. Dabei zeichnet sie nicht nur Präzision, sondern auch der persönliche Blick aus, mit denen gesellschaftliche und politische Aspekte in künstlerisches Schaffen Eingang finden und dort adressiert und kommentiert werden.
Am 20. Oktober 2017 wird eine zweite Jury die diesjährige Preisträgerin bestimmen. Die Auszeichnung besteht in einer Einzelausstellung in einem der Häuser der Nationalgalerie 2018 und einer begleitenden Publikation.

Sol Calero verbindet Malerei und Skulptur zu hybriden Installationsräumen, die als soziale Environments und Kontaktzonen fungieren. Ihr spielerischer Ansatz ist von kunsthistorischem und kulturellem Wissen und einem breiten Spektrum an Verweisen durchdrungen – von Henri Matisse über die lateinamerikanische Avantgarde bis hin zur karibischen tropischen Moderne.
Ihre raumgreifenden Werke bringen uns dazu, Teilnehmer statt distanzierte Besucher zu sein, und verwandeln den Rezeptionsprozess in eine vergnügliche und zugleich herausfordernde Erfahrung. Die Verführung geht mit einer Veränderung unserer inneren Haltung einher. Nach und nach sickern kulturelle Stereotypen und Themen aus dem kolonialen Erbe aus Caleros übertrieben bunten Environments, die mit einer exzessiven Bildsprache des „Tropischen“ spielen. Denn sie arbeitet, wie sie selber sagt, „durch und nicht gegen das kodierte kulturelle Vokabular des Klischees“. Sol Calero wurde von der Jury wegen ihrer eigenständigen, meisterlich hergestellten visuellen Sprache ausgewählt, die das Publikum dazu einlädt, die räumliche Dimension eines Kunstwerks und seine gesellschaftliche Funktion als Ganzes zu begreifen. Calero bringt auf komplexe Art und Weise einen tropischen Stil in das Berliner Kulturleben und hinterfragt entsprechend etablierte Strukturen, die die Gesellschaft formen und strukturieren.

Iman Issa (geboren 1979 in Kairo, lebt in New York City und Berlin) verfolgt eine komplexe konzeptuelle Praxis, die Skulptur, Fotografie, Text und Video umfasst. Ihre künstlerische Herangehensweise gründet auf einer Beschäftigung mit der Kunstgeschichte, mit Monumenten und Denkmälern und einem Interesse an deren ästhetischer und politischer Konstruktion sowie dem Versuch, ihre Bedeutung neu auszurichten. Häufig werden ihre makellos und oft in minimalistischer Formensprache ausgeführten Skulpturen von Texten als einem wesentlichen Bestandteil begleitet. Mit Präzision und Beharrlichkeit widmen sich Issas enigmatische Werke der Macht des Displays und versuchen eine Dekolonisierung der Kunst- und Kulturgeschichte, indem sie die Machtstrukturen der Repräsentation ansprechen, die bis zum heutigen Tage weitgehend unhinterfragt und wirkungsmächtig bleiben.
Die Jury entschied sich für Iman Issa aufgrund der Art und Weise, in der jede ihrer künstlerischen Arbeiten und Serien ihren Glauben an die Macht von Objekten und an deren komplexe Eloquenz verkörpern. Ihre Werke sind von vielschichtiger Bedeutung ohne sich auf eine einzige Erzählung festzulegen. Ihr poetischer und philosophischer Ansatz verbindet sich mit dem Bestreben, eine zeitgenössische minimale und konzeptuelle künstlerische Sprache zu erforschen und dabei auf eine Bandbreite von internationalen Kontexten und auf die Struktur von Geschichte zu reagieren.

Das filmische und skulpturale Schaffen Jumana Manna s (geboren 1987 in Princeton, lebt in Berlin), die an der Jerusalemer Bezalel Academy, der Kunsthochschule Oslo und am CalArts in Los Angeles studierte, ist so stark wie präzise. Wie ihre Filme, sind auch ihre skulpturalen Installationen keineswegs still, sondern besitzen eine deutliche erzählerische Komponente. Obwohl sie eine politische Ebene ansprechen, nehmen Mannas Werke und ihre Art des Erzählens stets eine persönliche Perspektive ein. Dies verleiht der Künstlerin die Möglichkeit, schwerwiegende Themen mit einem individuellen und humorvollen Ansatz anzusprechen. Angesichts permanent hervortretender Notsituationen und Katastrophen auf der Welt bemüht sie sich um eine inklusive Sprache und vermag Stellung zu beziehen, ohne mit dem Finger zu zeigen. Jumana Manna wurde von der Jury ausgewählt, weil sie sich – häufig allegorisch und durch eine selbstentwickelte Dramaturgie und Charakterspiele – den drängenden politischen Fragen unserer Gegenwart widmet, während sie gleichzeitig Meisternarrative hinterfragt, die Gewalt unter Gemeinschaften fortsetzen. Obgleich weit davon entfernt, neutral oder distanziert zu sein, gelingen ihr eine weder wertende noch oberflächliche Haltung und ein subtiler Ansatz.

Beunruhigend und oft traumartig – das sind die Adjektive, die uns beim Betrachten der Filme, zeichentrickbasierten Arbeiten und Fotografien von Agnieszka Polska (geboren 1985 in Lublin, lebt in Berlin) zuerst in den Sinn kommen könnten. Ihre Ikonografie, die sich häufig aus der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts und historischen Ereignissen speist, ist stark und fesselnd. Sie stützt sich auf den Bildfundus von Archiven, auf alte Fotografien, Worte und Texte aller Art oder den künstlichen Look digitaler Medien. Ohne eine leicht zu entschlüsselnde Erzählung, widmet sich die Künstlerin den Prozessen der Konstruktion von Geschichte und ihrem gesellschaftlichen Einfluss, den sie hinterfragt. Sie ersinnt häufig absurde und humorvolle Erzählungen, die eine intime Botschaft über unsere zeitgenössische Wirklichkeit einfangen. Polskas Auseinandersetzung mit ihren Themen ist von dem Bewusstsein geprägt, dass Geschichte eine Frage des Diskurses und nicht der Fakten ist, und ausschließlich durch die Gegenwart zugänglich. Auf dieser Grundlage allerdings sind die Themen, die die Künstlerin anspricht, und das Bildmaterial, aus dem sie sich bedient, komplex und vielfältig. Die Jury wählte Agnieszka Polska insbesondere wegen der Vielfältigkeit und zugleich Präzision ihrer filmischen Sprache.

 


Sol Calero (born 1982 in Caracas)