Albrecht Schnider: Wieder Finden
19. November 2011 4. Februar 2012
Galerie Bob van Orsouw, Zürich
Pressetext
Wann ist eine Fläche offen oder geschlossen, wann bietet sie Raum für jene Imagination von Fülle und Leere, Formung und Zufälligkeit, die wir als ein Bild oder als bildhaft bezeichnen? Albrecht Schnider (*1958, Luzern) geht diesen grundsätzlichen Fragen in seinen malerischen und zeichnerischen Werken nach und formuliert neben dem Abstraktum des Möglichen und Vielfältigen die Sehnsucht nach dem Bildhaften.
Die Zeichnung steht am Anfang und ist für Albrecht Schnider in mehrfacher Hinsicht existentiell, denn die fragile, mit der Hand gezogene Formulierung schafft aus Linien Flächen, die für die Gemälde die Konstruktionsgrundlage bilden. In der Zeichnung begegnen sich zudem auf unmittelbare Weise die Absicht des Präzisen, Willentlichen, das Unkalkulierbare, Zufällige und letztendlich die Abweichung und Bestimmung einer Formgebung. Auch wenn Albrecht Schniders geometrische Motive in ihrer Form exakt kalkuliert erscheinen, gehen sie aus einem intuitiven Findungsprozess hervor. In dem Entscheidungsprozess für das malerische Bild wägt Schnider die verschiedenen Möglichkeiten der zeichnerischen Figurationen ab, bis zwischen den einzelnen Flächen und Linien eine für den Künstler einzig mögliche bestimmte Formenfiguration entsteht. Anhand dieser legt Schnider fest, welche Flächenteile mit welchen Farbwerten versehen oder ausgespart werden. In diesem künstlerischen Handlungsprozess stehen so das Unbestimmte und das Bestimmbare nebeneinander und machen vor allem eines deutlich: die widersprüchliche Sehnsucht, etwas Unerreichbares erreichen zu wollen denn weder Homogenität noch Vielfältigkeit können als ein Ganzes existieren.
Dieser Gedanke lässt sich in der intensiveren Betrachtung der Gemälde wieder finden: Die angeschnittenen geometrischen Motive sind als Figurationen und Teilstücke eines aus dem Blick verlorenen Ganzen denkbar; die mit einem Farbwert versehenen oder weiß ausgesparten Felder sind Fläche und Volumen, Tiefe und Leere; die geometrischen Motive sind dreidimensionale Figuren oder räumliche Aufsplitterungen einer Fläche; die metallenen Farbigkeiten sind ephemere Reflexionsflächen für das Licht und stehen der Definition von Schwarz und Weiß gegenüber. In diesem doppelbödigen visuellen und gedanklichen Wechselspiel vollziehen wir als Betrachter die Konstruktion eines nun möglichen, gewordenen Bildes. Denn jene Wirklichkeit des Bildhaften, die Albrecht Schnider in seinen malerischen Formulierungen sucht und letztendlich umfasst, geschieht, wenn man durch das Bestimmte das Unbestimmte und durch das Vorhandene das Fehlende denkt. Gerade in dieser Widersprüchlichkeit verbinden sich die vorhandene Konstruktion und die Abwesenheit des Bildhaften zu einer werdenden Wirklichkeit.
Albrecht Schnider zeigt in der Galerie Bob van Orsouw eine Ausstellung mit aktuellen Gemälden geometrischer Motive. Die Ausstellung umfasst kleinteilige und zwei sehr große Formate. In Schniders vielfältigem malerisch, zeichnerisch und objektorientierten Werk bildet die Formulierung mit geometrischen Figurationen eine Linie, die mit seinen anderen Sujets inhaltlich verbunden ist.
Birgit Szepanski