Die Lebensgeschwindigkeit ist ein Nervengeschäft. Ioan Grosu weiß das. Er malt und zeichnet schnell, um mitzuhalten. Die Gegenstände, Figuren und Formen seiner Bilder wirken schemenhaft, unvollständig, grob, roh, manchmal primitiv. Sie sind Wahrnehmungsruinen, die dem Vergessen standgehalten haben. Trübe Gedankenreste, die übriggeblieben sind. Ioan Grosu zwängt Gegenstände in seine Logik, er verbiegt sie, verformt sie, zerstört sie. Er malt trotzig und brutal, wie die Lebensgeschwindigkeit ihn vor sich hertreibt.
Weil der in Rumänien geborene, in München und Italien lebende Künstler weiß, dass man die Wirklichkeit nicht abmalen kann, reduziert er sie auf ihre grobe Essenz, um ihr auf die Spur zu kommen. Der amerikanische Schriftsteller H.P. Lovecraft beschreibt in seinen Schauergeschichten Wesen, die aus einer anderen Dimension in unsere Welt herüber kommen. Die Gestalt dieser abstrakten Wesen folgt einer nicht-euklidischen Geometrie, die nach den Maßstäben unserer Physik nicht aufgehen kann. Das macht sie unheimlich, denn unser Denkvermögen reicht nicht aus, sie zu erfassen. Ioan Grosu tut etwas ähnliches, nur dass seine Gegenstände und Figuren nicht aus einer anderen Welt in diese herüber kommen. Sie sind in unserer Wirklichkeit enthalten. Grosu trennt sie bis zur Unkenntlichkeit aus der Wirklichkeit und enthüllt ihre existentielle Fremdheit. Er malt ein Gewirr von ineinander verschlungen Linien auf einem Stuhl – wir ahnen, dass es sich um eine menschliche Figur handeln soll, doch unter Grosus Händen zerfällt sie in ein abstraktes Formenspiel. Grosus Malerei, wie auch seine Zeichnungen, irritieren und befremden. Er weiß, wie Baudelaire, dass Schönheit nicht nur aus dem Himmel, sondern auch aus der Hölle kommen kann. In ihrem Existentialismus erinnern Grosus Arbeiten an die Malerei Francis Bacons. Doch wo Bacon noch das malerische Handwerk achtete, Figuration und Gegenständlichkeit detailliert und präzise umsetzte, reicht Ioan Grosu s Geduld dafür nicht mehr aus. Der 25-jährige ist ein Kind des 21. Jahrhunderts. Er malt, was in seinem Kopf herumgeistert, direkt auf die Leinwand oder zeichnet es auf Papier. Respektlos den Konventionen gegenüber, schnell, grobschlächtig und illusionslos. Darin liegt die visuelle Kraft seiner Kunst. Manchmal zerknüllt er Zeichnungen, die ihm nicht gelingen wollen. Wenn er das zerknüllte Blatt wieder vom Boden aufliest, dann ist die Zeichnung eine andere geworden, dann stimmt sie plötzlich. Dann liegt in den zufälligen Faltungen des Papiers genau die Form von Flüchtigkeit und spontaner Aggression, die die Zeichnung richtig und zeitgenössisch macht. Es ist nun aber nicht so, dass in Grosus Kunst ausschließlich die Dunkelheit zu Hause wäre, gerade in seinen Zeichnungen scheint eine Zartheit auf. Schemen, die sich aufzulösen scheinen, optimistisch in ihrer Farbigkeit – auf der Flucht vor der Wirklichkeit und trotzdem im Einklang mit der Lebensgeschwindigkeit des 21. Jahrhunderts.
Text von Hendrik Lakeberg
Künstler Ioan Grosu