.Wir freuen uns, Ihnen unsere nächste Ausstellung
Nika Radic
Out of Place
anzukündigen.
Vernissage: Freitag, 10. September 2010, 18 bis 21 Uhr
Ausstellung: 11. September – 30. Oktober 2010
Die Galerie ist bis zum 31. August 2010 unregelmäßig geöffnet.
Gerne können Sie währenddessen einen Termin vereinbaren unter
galerie@traversee.com oder +49 171 175 88 66
Das eigene Zuhause ist in unserer heutigen, ständig medial vernetzten Welt einer der letzten privaten und intimen Rückzugsorte, die wir haben. Dort lassen wir alle Masken fallen, können wir selbst sein und sind vor fremden Blicken geschützt. Eigentlich. Denn dass in unser trautes Heim sehr wohl ab und zu ein heimlicher Blick von außen dringen kann, zeigt uns Nika Radic in Out of Place.
Dabei führt sie uns an einen häuslichen Ort und inszeniert die Ausstellungsräume als eine fiktive Privatwohnung: Es gibt Bilder an den Wänden, einen Teppich, ein paar Möbel und Bücher. Der Besucher betritt nicht mehr einen white cube, sondern er durchschreitet einen Wohnraum, wodurch ein voyeuristisches Moment ins Spiel kommt: als direk¬ter Beobachter innerhalb einer eigentlich fremden Wohnung ist er out of place - fehl am Platz. Doch selbst wenn man nicht will: Man kann sich nicht dagegen wehren, sich in dem fremden Heim umzusehen.
„What do you mean…ich hab‘ nicht wirklich verstanden, was sie sagen wollte…“: Diese Aussprüche stammen aus einem früheren Kurzfilm der Künstlerin (Party, 2007), in dem sich mehrere Partygäste in verschiedenen Sprachen miteinander unterhalten. Die deutschen, englischen, italienischen und kroatischen Satzfragmente kreisen um das Nicht-Verstehen des Gesprächspartners und werden in der Ausstellung auf einem großen, mit diesen Zitaten bedruckten Teppich visualisiert. Im zwischenmenschlichen Bereich ist Kommunikation unser wichtigstes Bindeglied. Ob verbal oder non-verbal: unser Gegenüber lässt uns eine Nachricht zukommen, die wir – in welcher Form auch immer – aufnehmen. Dieser Vorgang lässt sich auch auf die Wahrnehmung eines Kunstwerks übertragen: bei der Betrachtung löst es etwas in uns aus, das entweder der Intention des Künstlers entspricht oder völlig andere Reaktionen und Assoziationen bei uns hervorrufen kann.
Wenn man nun die Fotos an den Wänden betrachtet, die sich als Serien und Einzelbilder in verschiedenen Formaten präsentieren, rufen auch diese Assoziationen hervor. Denn die gezeigten Szenen sind uns allen nicht fremd, sondern in unserem Bildgedächtnis verankert. Auch hier überkommt einen das Gefühl, jemand Fremden zu beobachten. Die Serie Other People's Windows entsteht seit 2008 an den jeweiligen Orten, an denen Nika Radic gelebt hat und lebt. Die gezeigten Szenen zeigen den Blick in die Wohnräume der gegenüberliegenden Nachbarwohnungen. Fremde Menschen, fotografiert aus dem Fenster gegenüber. Mehrere Fotografien zweier Jungen in Mailand wirken durch die Aneinander¬reihung wie filmstills und bekommen dadurch einen narrativen Charakter. Automatisch versucht man, aus diesem kurzen Einblick, den man in ein fremdes Leben bekommt, über den Bildausschnitt hinaus seine eigenen Geschichten hinein zu projizieren. In seiner Phantasie beginnt man, die Leerstellen und Lücken außerhalb des Bildes mit seinen eigenen Vorstellungen zu füllen. Hier findet sich auch wieder eine Parallele zur Kommunikation. Auch dort versuchen wir, über das Gespräch hinaus das Ganze zu sehen und zu verstehen.
Wie sich auch in unserer Kommunikation verschiedene Ebenen finden, z.B. die Körpersprache, so wird auch der Ausstellungsraum durch verschiedene Videoprojektionen um eine zusätzliche Ebene erweitert. Geöffnete Türen, teilweise projiziert, teilweise real an der Wand befestigt, geben den Blick in scheinbar dahinter liegende Räume frei. Ähnlich wie in der barocken Malerei durch den Einsatz des Trompe-l‘oeil findet auch hier eine Illusion statt. Die projizierten Trugbilder zeigen im Gegensatz zu den Fotografien Bewegung und Aktionen. Dennoch können wir auch hier nicht sicher sagen, was außerhalb unseres Blickfeldes hinter dem uns gezeigten Ausschnitt aus einem fremden Leben passiert. Wir können uns nur anhand dessen, was wir sehen, einen größeren Zusammenhang erschließen.
Die eigene Identität ist auch immer durch die eigene Wahrnehmung geprägt. Wie subjektiv die eigene Erinnerung sein kann untersuchte Nika Radic bereits in früheren Arbeiten, indem sie aus dem Gedächtnis Grundrisse ihrer alten Wohnungen zeichnete. Ihre Mutter, die Architektin Anela Djukan, fertigte Konstruktionszeichnungen der gleichen Orte an. Durch das Übereinanderlegen vermischten und überlappten sich verschiedene Erinnerungen zweier Menschen. Für die Ausstellung Out of Place entwarf Anela Djukan einen Plan für eine architektonische Umgestaltung, die nicht nur die Innenräume, sondern das ganze Galeriegebäude in der Theresienstraße umfasst. In Form von Grundrissen und Schnitten hängen sie als Teil der imaginären Wohnung an der Wand. Sie verweisen vielleicht auch auf eine mögliche weiterführende Umgestaltung der Galerieräume / des imaginären Wohn¬raums, der im Moment eher noch provisorisch angelegt ist. Doch wissen wir alle aus eigener Erfahrung, dass Provisorien manchmal am Längsten von allem halten.
Nika Radic (* 1968 in Zagreb, Kroatien) studierte Skulptur an der Kunstakademie Zagreb und Kunstgeschichte an der Universität Wien. In ihren Videoarbeiten und multimedialen Installationen beschäftigt sie sich mit den Themen Kommunikation und Voyeurismus; Momente, die wir alle ähnlich erleben, aber die letztendlich jeder auf seine eigene Art und Weise in dem ihm gegebenen Kontext interpretiert und wahrnimmt. Nika Radic war bereits in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten, u.a. dieses Jahr im Mu¬seum of Contemporary Art Vojvodina (Novi Sad, Serbien) und der Galerie Waldinger (Osijek, Kroatien). Zu ihren letzten Videoinstallationen im öffentlichen Raum gehören Office Cleaning (Collegium Hungaricum, Berlin, 2008) und Tulum (anlässlich der Eröffnung des MSU Zagreb, 2010).
Anna Wondrak M.A. (München, Juli 2010)
(Pressetext)
Künstler Nika Radic