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Peter Granser: J'ai perdu ma tête

Künstler: Peter Granser

Ausstellung: 17.09.2010 - 13.11.2010

Veranstalter: 14-1 Galerie
14-1 Galerie bei art-report

Stadt: Stuttgart
Homepage: 14-1 Galerie




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Der Weg ist oft gar nicht so weit. Kürzer als man denkt. Von der Normalität zum Wahnsinn. Peter Granser ist ihn gegangen. Er ist in ein Irrenhaus gefahren, in die französische Provinz. Irrenhaus. Wie grob. Solche Orte heißen doch heute "psychiatrische Anstalten" oder "Zentrum für geistig Behinderte", oder ähnlich. Granser aber suchte einen direkten Zugang zum Wahnsinn. Und der befindet sich hinter der Fassade technischer Begriffe und Namen. Granser fuhr also ins Irrenhaus, dorthin, wo der Wahnsinn Alltag ist.

Wie soll man sich dem Wahnsinn nähern? Kann man hier als Fotograf wirklich Einblicke geben? Nichts läge näher, aus dem Wahnsinn ein Spektakel zu machen, die Geisteskranken als Schauobjekte in Szene zu setzen. Man kennt die erschütternden Bilder aus rumänischen Irrenanstalten: Menschen wie Tiere gehalten, in Dreck und Fetzen, tonlos schreiende Münder in lichtlosen Zellen. Der blanke Horror. Peter Granser wählte einen anderen Weg. Ihn reizt nicht die spektakuläre Außensicht, er wollte sein Bild von der Welt des Wahnsinns aus der Innensicht entwickeln. Es hat einige Zeit gedauert, bis er eine Anstalt gefunden hatte, die bereit war, ihre Mauern zu öffnen. In Deutschland undenkbar. In Frankreich jedoch traf er auf einen Arzt, der bereit war, ihm Einblicke in das Leben in seiner Institution zu geben.

Schritt für Schritt näherte sich Peter Granser der fremdartigen Welt. Er lernte die Patienten kennen, ihre Schicksale, ihre Freuden und Zwänge. Von Anfang an versuchte er einen Blick zu entwickeln, der sie in seinen Bildern nicht als Wahnsinnige vorführt. Sie sollten ganz sie selbst sein und dabei wurde spürbar, dass es gerade dieses selbst, des Ich ist, das den Menschen hier abhanden gekommen ist. Zerstört, verletzt, zerschlagen. Wahnsinn ist der Verlusst des Ich. Wie bei Jean-Jacques, der mit ansehen musste, wie sein Kind und seine Frau im Auto neben ihm verbrannten oder Guy, der meist ganz friedlich ist und plötzlich seinen Kopf an die Wand schlagen muss. Mit aller Kraft. Leute wie er spüren sich nur, wenn sie sich weh tun oder immer an einer Stelle reiben, als wollten sie herein oder heraus. Pascale ist wie aus dem Ei gepellt. Eine Grand Dame. Sie ist die Schönste. Das weiß sie und das wissen die anderen. Aber ob sie wirklich mal Model war und der feinen Gesellschaft angehörte, das kann niemand so recht sagen. Auch Luise nicht. Sie ist immer bereit zu gehen. Jeden Tag packt sie ihr Köfferchen und zieht sich den Reisemantel über, bis der Tag kommt, an dem es losgeht. Jeden Tag. Alles Irre. Ein Leben im Wahnsinn.

Granser nahm an ihrem Alltag in der Anstalt teil, wohnte in der Nähe der Patienten, verbrachte Zeit mit ihnen, beim Fernsehen, im Essensraum, in der Kunsttherapie. Das Leben hier hat einen strengen Rhythmus. Rituale als Ersatz für die Normalität. Es gibt Essenszeiten, Arbeitszeiten, Ausflüge, Schlafenszeit. Je mehr Peter Granser sich in dieses Anstaltsleben hineinbegab, umso mehr schärfte sich sein Sinn für die feinen Spuren, die der Wahnsinn auch in den einfachen Dingen dieses Alltags zurücklässt, den Flecken an der Wand, den Zeichnungen am Boden oder einem aufgewühlten Bett.i iMit der Zeit wuchs das Vertrauen. Die Patrienten freuten sich immer schon auf die Besuche des Fotografen und ließen ihn immer weiter hinein in ihre Welt, zeigten ihm ihre Zimmer mit Bildern, Zeichnungen, Persönlichem, Gewöhnlichem. Manchmal gab es bewachte Ausflüge ins Grüne für die, die sich gut benommen hatten und Granser sollte mit. Die ersten Gruppenbilder entstanden. Er durfte sogar die Tonfiguren aus der Kunsttherapie fotografieren. Es dauerte jedoch bis ganz zum Schluss seines Aufenthaltes, bis ihm die Insassen erlaubten, sie zu portraitieren. Sie vertrauten ihm also schließlich ihr Gesicht an, ihren Blick, in dem ihre seelischen Verletzungen und Verstörungen völlig ungeschützt zu sehen sind.

In keinem Moment hat Granser dieses Vertrauen missbraucht, indem er etwa aus dieser Intimität spektakuläre Aufnahmen herausgeholt hätte. Er hält in jeder Situation eine respektvolle Distanz, bleibt stiller, ja kühler Beobachter. Nirgends erliegt er der Attraktion des Vordergründigen. Er dokumentiert weder Aufsehen erregende Szenen noch Einzelschicksale. Man weiß nie, welche Spuren, welche Signaturen zu welchem Menschen gehören. Solche Spuren hat Granser erstmals auch in kurzen Videosequenzen und Tonaufnahmen festgehalten: es sind akustische und visuelle Miniaturen über die verstörende Fremdheit und Hermetik dieser anderen Welt.

Gransers Bilder aus dem Irrenhaus kommen ganz ohne Freakshow und Horror aus. Sie entwickeln ihre Intensität durch die Zurückhaltung des Blicks und die Vertrautheit des Fotografen mit seinem Thema. Es sind Kompositionen aus Zwischentönen, aus Ahnungen und Andeutungen, Bilder, die nicht die Fratze des Wahnsinns zeigen, sondern sein menschliches Gesicht. Es ist ein beklemmend vertrautes Gesicht. Man kennt es aus dem Spiegel und spürt, dass es ein kurzer Weg sein kann, kürzer als man denkt. Von der Normalität zum Wahnsinn.
Dr. Tobias Wall

(Pressetext)


Künstler Peter Granser