Die Stadt ist für Eberhard Havekost ein zentraler Lebens- und Erfahrungsraum. Hier findet er Motive und Situationen, in denen sich urbane Lebenswelten einer aufstrebenden Konsumgesellschaft phänotypisch spiegeln. Aber wie sieht eine Stadt überhaupt aus? Was prägt unsere Vorstellung von einer Stadt? Jenseits ihrer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Funktionen ist die Stadt eine Schnittstelle zwischen gesellschaftlicher Ordnung und individuellen Bedürfnissen. Im vorgegebenen Raster bewegt sich der Einzelne als Teil der Masse, aber individueller Beobachter durch die Stadt. Auch Havekost benutzt die Stadt auf seine Weise. Die komplexen Strukturen nimmt er in Ausschnitten wahr: Fassaden, Straßen, Autos, Schaufenster, Passanten. Medial gefiltert und bildnerisch transformiert, verdichten sich diese Ansichten des Alltags zu einer allgemeingültigen Bestandsaufnahme gegenwärtiger Erscheinungen von Architektur, Design, Mobilität, Kommunikation, Konsum und Freizeit. Als Zeichen moderner Zivilisation sind diese Bilder universell codiert.
Die Stadt ist stets ein Indikator gesellschaftlicher Entwicklungen. Phasen der Progression und der Regression wechseln einander ab und hinterlassen Spuren. Havekosts Arbeit ist auch geprägt von den Folgen des durchgreifenden, politischen, ökonomischen und kulturellen Wandels im Zuge der deutschen Wiedervereinigung. Geboren und aufgewachsen in der DDR, wurde er Zeuge des umfassenden System- und Wertewechsels in allen Bereichen der Gesellschaft. Nirgends war und ist dies so spürbar wie in Berlin, wo der Künstler lebt. Sein Werk steht damit mustergültig für das Bemühen der Kunst, die Zeichen der Zeit in einer der Zeit angemessenen Sprache zu vergewissern.
Die über Jahrhunderte gewachsene Eigenart der Stadt alten Typs wird in unserer Zeit immer mehr von einem globalisierten Schema Stadt abgelöst. Das gilt für die in atemberaubendem Tempo entstehenden Megacities in Asien genauso wie für den Umbau und die Erweiterung europäischer Metropolen. Damit verändern sich auch unsere Vorstellungen und Bilder städtisch geprägten Lebens. In Indien vollzieht sich diese Entwicklung mit ungeheurer Intensität und setzt eine Reflexion über die sozialen und kulturellen Folgen dieses Wandels in Gang. Havekosts Bilder sind beispielhaft formulierte Resonanzräume, die sich mit eigenen Erfahrungen urbaner Lebensweise aufladen lassen. Die medial internationalisierte Bildsprache gibt dem indischen Publikum die Möglichkeit, die Wahrnehmung des eigenen Lebensumfeldes durch die Betrachtung einer ungewohnten, aber zugänglichen Bildwelt vergleichend zu aktivieren.
In der Ausstellung werden sowohl großformatige Ölgemälde als auch das grafische Werk Eberhard Havekost s der letzten 10 Jahre präsentiert. Die Ausstellung wird in Indien an zwei Orten stattfinden: Mumbai und Kochi. Beide Städte waren in den letzten Jahrzehnten Schauplätze gewaltiger, urbaner Planungen und Entwicklungen. Vor diesem Hintergrund stimulieren die Beobachtungen des Künstlers einen assoziativen, wechselseitigen Transfer zwischen Kunst und Realität.
Pressetext
KünstlerInnen: Eberhard Havekost