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Neue Galerie in Kassel: Wiedereröffnung am 23. November 2011


Eingang zur Neuen Galerie

Kontaktinfos

Galerie Neue Galerie Kassel
Schöne Aussicht 1
34117 Kassel (DE)
Tel: +49 561 316800
Fax: +49 561 31680111
info@museum-kassel.de
www.museum-kassel.de...
Öffnungszeiten:
Tu-Su 10-17h

Bilder


Die Beuys-Schlitten warteten im Depot
Die Neue Galerie ist das erste Museum, das im Rahmen des 200 Millionen Euro umfassenden, hessischen Investitionsprojektes zur Neuordnung und Sanierung der Kasseler Museen nach fünfjähriger Bauzeit fertig gestellt wird. Das Haus der Moderne mit seiner städtischen und staatlichen Kunstsammlung ist damit eines der Aushängeschilder des Gesamtkonzepts.

Die Neue Galerie wurde nach Plänen des Berliner Büros Staab Architekten vom Foyer bis zum Glasdach generalsaniert, um den Anforderungen an einen zeitgemäßen Museumsbau gerecht zu werden. Der neue Eingangsbereich nimmt die Besucher hell und freundlich in Empfang. Das beginnt schon im Außenbereich mit der neuen Treppe und der barrierefreien Rampe und setzt sich im Inneren fort. Das Foyer vermittelt eine Vorstellung von der Größe des Hauses und setzt ein deutliches gestalterisches Signal. Obwohl die Architektur von Heinrich von Dehn-Rothfelser scheinbar wenig Spielraum für eine heutige Gestaltung ließ, hat das Büro Volker Staab das vorhandene Potential ausgeschöpft und den originären Charakter des Gebäudes wieder klarer hervorgeholt. So haben die Abfolgen der Ausstellungsräume eine viel stärkere Wirkung gewonnen, insbesondere in den Oberlichtsälen mit ihren neuen Lichtdecken. Die neue Offenheit zeigt sich auch ganz besonders in den beiden Loggien. Der Besucher kann jetzt einen unverstellten Blick in den Park Karlsaue werfen so wie es ursprünglich einmal gedacht war. Dies ist eine wunderbare Abwechslung im Rundgang und ein deutliches Signal gegen die hermetische Geschlossenheit vieler Museen. Erweitert und vor allem neu organisiert wurden auch die Ausstellungsräume im Untergeschoss, die vorher einen wenig einladenden Charakter hatten. Lichte, helle Räume laden den Besucher ein, länger zu verweilen und die Atmosphäre zu genießen, die nicht mehr durch hässliche und unpraktische Stellwände getrübt wird. Für die Kunstwerke und die Besucher im Gebäude ist auch die neue Klimaanlage von Vorteil. Temperaturen von bis zu 36 Grad gehören der Vergangenheit an. Viele weitere Verbesserungen im gestalterischen und technischen Bereich ergeben eine ganz „neue“ Neue Galerie in einem alten Gehäuse.

Die Neue Galerie an der Schönen Aussicht oberhalb der Karlsaue entstand zwischen 1871 und 1877 nach Plänen des Architekten Heinrich von Dehn-Rotfelser. Hier sollte die berühmte Gemäldesammlung des Landgrafen Wilhelm VIII. von Hessen Kassel ihren Platz finden. Der Neubau war notwendig geworden, da Jérôme Bonaparte, König von Westphalen den von François de Cuvilliés d. Ä. errichteten Galeriebau zu einer Stadtresidenz umfunktioniert und durch das Einziehen von Zwischendecken unbrauchbar gemacht hatte. Unter preußischer Herrschaft entstanden die Pläne für einen angemessenen Ersatz. Als Vorbild diente Leo von Klenzes Alte Pinakothek in München. Zwar in kleineren Dimensionen geplant, sollte auch Kassel eine Gemäldegalerie mit Oberlichtsälen und seitlich angeordneten Seitenlichtkabinetten erhalten. Leider erlitt das Gebäude im Zweiten Weltkrieg schwere Schäden. Erst als 1962 festgelegt worden war, dass die Gemäldegalerie Alte Meister künftig im Schloss Wilhelmshöhe gezeigt werden sollte, fiel auch die Entscheidung, die Alte Galerie wiederaufzubauen und in der nun Neuen Galerie die Sammlung der Moderne zu präsentieren. 1976 wurde das Haus eröffnet.

 

Zur Sammlung


Zu den Schwerpunkten der Sammlung gehört die Malerei des 19. Jahrhunderts, die vor allem in der Landschaftsmalerei und der Naturauffassung neue und zukunftsweisende Akzente setzen konnte, eine Entwicklung, an der auch die Professoren und Schüler der Kasseler Akademie einen wesentlichen Anteil hatten. Besonders anschaulich wird dies in dem umfangreichen Bestand der Maler Paul Baum und Curt Herrmann. Als einzige deutsche Neoimpressionisten hatten sie sich früh mit den Errungenschaften des französischen Impressionismus auseinandergesetzt und konnten beide ein vielschichtiges OEuvre hinterlassen. Das Studium der Freilichtmalerei, der Umgang mit kräftigen Farbkontrasten und die Anwendung einer wirkungsvoller Lichtregie beeinflusste zahlreiche Künstler. Lovis Corinth, mit zahlreichen Werken in der Sammlung der Neuen Galerie vertreten, gehört zu den Hauptvertretern des deutschen Impressionismus.
Die unweit von Kassel in der Malerkolonie Willingshausen arbeitenden Künstler boten zahlreichen Zeitgenossen wichtige Anregungen für ihre Arbeit in freier Natur. Eine besondere Rolle spielte Carl Bantzer, der alljährlich nach Willingshausen zurückkehrte, um die Sommermonate mit Schülern und Malerkollegen zu verbringen. Die Bildmotive der Maler stammten insgesamt aus dem Schwälmer Landleben. Unter Bantzers Führung und entgegen der akademischen Haltung wurde das Malen vor der Natur gepflegt.
Zu den Höhepunkten in der Sammlung der Neuen Galerie gehört die Corinth-Sammlung, in der nahezu alle Werkphasen des Künstlers vertreten sind. Hauptwerk des Corinth-Saales ist die Walchenseelandschaft, die 1924 entstand. Von seinem Haus, nicht weit vom Ufer oberhalb des Sees gelegen, hat Corinth den Blick über den See bis hin zu den Bergketten mit virtuosen Pinselstrichen festgehalten.
Ein herausragendes Werk der Malerei der Klassischen Moderne ist Karl Hofers „Mann in Ruinen“. Als „entartet“ von den Nationalsozialisten mit Malverbot belegt und ausgegrenzt, gilt das eindrucksvolle Gemälde, welches bereits 1937 entstanden war, als Ausdruck der Vorahnung der bevorstehenden Katastrophen des Zweiten Weltkrieges.
Malerei und Skulptur der Nachkriegszeit, der 1950er und 1960er Jahre, Pop Art und abstrakte Malerei bis hin zur zeitgenössischen Kunst bilden weitere Schwerpunkte des Hauses. Dazu gehört auch die ungegenständliche, monochrome Malerei, deren dynamischer, gestisch-betonter Pinselduktus in Einzelfällen an die malerischen Techniken der informellen Malerei erinnert.
Besondere Aufmerksamkeit in der zeitgenössischen Sammlung verdienen die Erwerbungen der documenta-Ausstellungen. Die documenta, 1955 von Arnold Bode (1900-1977) ins Leben gerufen, konnte sich zu einer der wichtigsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst weltweit und dauerhaft durchsetzen. Bis auf wenige Ausnahmen galt die Neue Galerie stets als bevorzugter documentaStandort. Schon 1964 wurden ausgewählte Bereiche der documenta in der damals zunächst noch als Provisorium hergerichteten Neuen Galerie ausgestellt.
Seit 1982 stellen die Stadt Kassel und das Land Hessen Sondermittel für den Erwerb bedeutender documenta-Kunstwerke zur Verfügung. Dazu gehören u. a. der „Kasseler Raum - Ferne Zwecke“ (1998) von Ulrike Grossarth und die Installation „THOU-LESS“ (2002) von Doris Salcedo. Anlässlich der letzten documenta 12 im Jahr 2007 gelangte Romuald Hazoumés Installation „Dream“ (2007) in die Sammlung. Der aus dem Benin stammende Künstler erhebt mit seinem aus aufgeschnittenen Ölkanistern zusammengesetzten Boot eine eindringliche Anklage gegen die Ausbeutung seiner Landsleute durch die Ölkonzerne. Mit Hito Steyerls Werk „Red Alert“ (2007)gelangte eine viel beachtete Video-Arbeit in die Sammlung, die sich durchaus doppeldeutig auf „technische“ Weise mit der monochromen Malerei auseinandersetzt. Die documenta-Erwerbungen stärken das Profil des Hauses, dessen Bestände, einem Echo vergleichbar, wichtige künstlerische Positionen vergangener documenta-Ausstellungen in Erinnerung rufen.
Der zentrale Raum der Neuen Galerie im Inneren des Gebäudes ist Joseph Beuys gewidmet. Sein Hauptwerk „The pack (Das Rudel)“ (1969) steht im Zentrum des Raumes, umgeben von vier Vitrinen, 29 Zeichnungen und sieben plastischen Bildern. Dazu gehören auch neun Multiples. Eines davon zeigt ein Selbstporträt des Künstlers, „La rivoluzione siamo Noi (Die Revolution sind wir)“ von 1972. Mit entschlossenem, energischem Schritt scheint Joseph Beuys dem Betrachter entgegen zu schreiten. Der Titel wird dabei zur Handlungsaufforderung, der den „erweiterten Kunstbegriff“ prägnant in Worte fasst: Kunst kann die Gesellschaft verändern, vorausgesetzt der Mensch weiß sein kreatives Potential zu nutzen.
Joseph Beuys hat den Raum in der Neuen Galerie anlässlich der Eröffnung des Hauses 1976 selbst eingerichtet und die verschiedenen Objekte positioniert. Dank der großzügigen Unterstützung der Hessischen Kulturstiftung und der Kulturstiftung der Länder konnte das Ensemble 1993 für die Neue Galerie erworben werden.