Der Aufstieg der Künstlerin Mai-Thu Perret im Kunstbetrieb ist aufsehenerregend. Seit ihren ersten prominenten Auftritten in der Galerie Praz-Delavallade in Paris (2005) und der Galerie Barbara Weiss, Berlin (2006) wurde sie durch so aüßerst renommierte Institutionen wie Renaissance Society, Chicago, (2006), dem Bonnefanten Museum, Maastricht (2007), Kunsthalle St. Gallen und aktuell im Aspen Museum in Soloshows geehrt. Das Netzwerk zu Galerien, Sammlern und Kuratoren könnte für eine so junge Künstlerin kaum besser sein. Mai-Thu Perret wird neben den erwähnten Galerien Weiss und Praz-Delavallade durch Greene- Naftali in New York vertreten. Die Edition Parkett, Zürich hat kürzich eine Figur aus der Serie Apocalypse Ballet in einer kleinen Auflage für 1.800 Euro herausgegeben. http://www.parkettart.com/index3.htm
Profil: Die Werke der in New York und Genf arbeitenden Künstlerin Mai-Thu Perret bewegen sich innerhalb ideologischer und visueller Referenzsysteme, die Belange der Moderne und ihr revolutionäres Potential umkreisen. Aus der Perspektive der produzierenden Rezipientin – Perret hat nicht Bildende Kunst, sondern Englische Literatur und später am Whitney Independent Study Program studiert – interessiert sich die Künstlerin für avantgardistische Bewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts und ihre Vokabularien, sofern diese Emanzipation und Fortschrittsglauben repräsentieren. So schreibt Perret seit 1999 an The Crystal Frontier, einem fiktionalen Bericht in Tagebuchform über eine Gruppe junger Frauen, die, abgesondert vom Rest der Welt, irgendwo in der Wüste von New Mexico eine alternative Kommune gegründet haben. Ihre parallel zum Schreiben entstehenden Skulpturen und Installationen, oft Hybride zwischen Kunst, Handwerk, Design und Literatur, lässt Perret als hypothetische Produkte der Protagonistinnen dieser fiktionalen Alternativgemeinschaft erscheinen. Perret überträgt ihre eigene künstlerische Autorschaft auf von ihr selbst erschaffene, imaginäre Subjekte.
Anknüpfend an die Ausstellung Apocalypse Ballet (2006), in der Perret den Ausstellungsraum in ein avantgardistisches Bühnenbild mit vier in Tanzbewegungen verharrten Pappmaché-Mannequins verwandelte, freut sich die Galerie Barbara Weiss, unter dem Titel Bikini eine zweite Einzelpräsentation mit der international erfolgreichen Künstlerin, die ihre Werke zuletzt in der Kunst Halle Sankt Gallen und im Bonnefanten Museum in Maastricht ausstellte, zu zeigen. Am 1. Juli 1946 warf eine US-amerikanische B-29 über dem Bikini-Atoll die erste Atombombe der Nachkriegszeit ab und läutete damit eine umfassende Testreihe ein. Nur wenige Tage später schickte der französische Modemacher Louis Réard das Model Micheline Bernardini, bekleidet mit nur vier kleinen, mit Zeitungsmeldungen über diesen Atombombenabwurf bedruckten Stoffdreiecken, über den Laufsteg in Paris.
Das Bikini-Atoll gab somit den Ausschlag für die Namensgebung einer neuen Bademode. Das Tabu war gebrochen, der brisante Name, der übersetzt „Land der Kokosnüsse“ bedeutet, schlug ein wie eine Bombe. Die Wirkung, die dieses knapp geschnittene Badegewand hervorrief - „like the bomb the bikini is small and devastating“ - wurde mit einer ähnlichen moralischen Entrüstung betrachtet wie die amerikanischen Atombombenversuche auf Bikini. Mit der Wahl dieses aufgeladenen und zeitgeschichtlich bedeutenden Begriffs als Ausstellungstitel verweist Mai-Thu Perret genau auf diese Ereignisse. Indem sie drei glasierte Skulpturen in der Form von Atompilzen ins Zentrum des Galerieraums stellt, referiert sie auf ein vielfach reproduziertes Foto aus dem Jahr 1946. Dieses zeigt Admiral Blandy, den damals für die Atomtest zuständigen Offizier und seine Frau, wie sie den Abschluss der Testreihe Operation Crossroads mit einer riesigen essbaren „Atomtorte“ zelebrieren.
Mit dem Zitat genau dieser Torte ruft Mai-Thu Perret die damals in den USA grassierende, skrupellose und gleichzeitig nicht nachhaltig gedachte Fortschrittsfaszination in Erinnerung. Die originale Atomtorte – schon damals ein unglaublich naives und mit einfachsten Mitteln fern jeglicher Technologie hergestelltes Objekt – war ein ambivalentes und provokatives Symbol eines selbstverliebten Glaubens an Fortschritt ohne Widerspruch. Übersetzt in künstlerisch-kunsthandwerkliche Produkte gehen Perrets „Atomic Cakes“ noch einen Schritt weiter. Sie erscheinen wie eine kindliche, „kuchen-artige“ Annäherung an Skulptur, in einer erstarrten, glasierten Kunstform.
(Quelle: Auszug aus Barbara Buchmaier: Mai-Thu Perret, Galerie Barbara Weiss, Berlin)






