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Carina Linge | MyArtSpace

Carina Linge. Einsamer Eros

Ein weiblicher Rückenakt: die rötlichen Haare der jungen Frau sind hochgesteckt und geben den Blick frei auf einen zarten Nacken. Mildes Licht, das von links einfällt, modelliert Schulterblätter und Wirbel nur in Andeutung heraus. Perfekt schmiegt sich der weiche Körper einer Weinbergschnecke an die Rundung der linken Schulter. „Acedia” ist diese Fotografie aus Carina Linges mehrteiliger Arbeit „Einsamer Eros” betitelt, nach der Personifikation des biblischen Lasters der Trägheit. Die Unfähigkeit zur Aktion, die verlangsamte Bewegung, für die hier die Schnecke steht, resultiert aus einer psychischen Disposition, die von einem Gefühl von Einsamkeit bestimmt ist.

Es ist die Unmöglichkeit, das Prinzip sinnlicher Anziehung, das Liebesverlangen in erfüllter Form zu leben, die im Zentrum von „Einsamer Eros” steht. Basierend auf Beobachtungen und Gesprächen mit verschiedenen weiblichen Singles und gemischtgeschlechtlichen Paaren entwickelt Carina Linge seit 2008 mit inszenierten wie dokumentarischen Fotografien, Texten und Objekten verschiedene Werkgruppen, die an einem individuellen Beispiel doch allgemeingültige Lebensmuster veranschaulichen. „Single No. 1” oder „Paar No. 2” lauten ihre Titel; diese anonymisierten Bezeichnungen wie die maschinengetippten Datenblätter mit Angaben zu Alter, Geschlecht, Wohnort und Beruf der Porträtierten sprechen von einem auch soziologisch motivierten Ansatz, der in den Fotografien jedoch in Empathie übergeht. Sehnsucht und Verlangen, Isolation und Depression, Dominanz und Unterdrückung sind die nur scheinbar widersprüchlichen und doch aufeinander bezogenen Gefühle, die Beziehungen kennzeichnen – in ihrer Verwirklichung, ihrem Scheitern oder in der vergeblichen Suche danach. Zunächst heterogen anmutend, fügen sich die einzelnen Elemente der Werkgruppen zu komplexen Psychogrammen. Porträts wie jene der „Acedia” oder etwa der „Dame mit Kaninchen" sind Inszenierungen individueller Befindlichkeiten, die jedoch durch die Anlehnung an Motive aus der Kunstgeschichte – etwa von Leonardo da Vinci oder Francisco de Goya – in Überzeitlichkeit überführt werden. Kombiniert sind sie mit Stillleben, arrangiert mit Gegenständen aus dem Besitz der fotografierten Personen, deren Bildsprache an die Vanitas-Stillleben des Barock erinnert. Gegenwärtiges schimmert immer durch, sei es in Form eines Glases, in dem Brechbohnen verkauft wurden, oder eines Reclam-Buches von Ingeborg Bachmann. Jedem Single, jedem Paar ist eine von Carina Linge entwickelte Allegorie zugeordnet, die vielleicht weniger die Porträtierten beschreibt als vielmehr die emotionale Reaktion der Künstlerin auf die beobachtete Situation zum Ausdruck bringt: auf einem Dachboden an einer schräg zwischen einem Stuhl und einem Backstein gespannten Leine aufgehängte Stofftaschentücher oder eine leere Albumseite, auf der sich einmal ein Foto eines „Trauten Heims” befand. Dokumentarische Aufnahmen zeigen Ausschnitte aus dem Lebensumfeld der Protagonisten – etwa einen verrosteten Heizkörper, hinter dem sich der Staub gesammelt hat –, deren sachlicher Aufnahmemodus den symbolgeladenen, zutiefst melancholischen Inhalt aber nicht gänzlich kaschiert. Ausgangspunkt von „Einsamer Eros” ist eine Fokussierung auf Weiblichkeit in Form der nackten, verletzlichen Körper, der sexualisierten Ikonographie der Muschel oder Walnuss, der geschminkten Lippen und rot lackierten Fingernägel, des Streublümchendekors auf einer Bettdecke. Ein männliches Pendant taucht nur ein einziges Mal als Spiegelbild auf. Doch bleibt diese Weiblichkeit nicht im Klischee verhaftet; es wird gebrochen von der Brutalität einer spitzen Schere, mit der ein Affenbrotbaum radikal beschnitten wurde, vom Schock, das vom Anblick eines gehäuteten Kaninchens ausgeht. Und doch ist gerade dieses Kaninchen Ausdruck der Ambivalenz, die Carina Linges Arbeit kennzeichnet. Zärtlich hält die elegant gekleidete Frau das Tier im Arm, wie einen Säugling, und auch die Schnecke der „Acedia” ist nicht allein ekelbesetzt, sondern bedeutet zugleich Berührung. In gleicher Weise konterkarieren die Worte der den Werkgruppen zugeordneten Karteikarten mit Zitaten der Frauen deren nüchterne, bürokratische Erscheinungsform: Hier findet jene Emotionalität statt, die in der Begegnung mit dem ersehnten Anderen nicht möglich scheint. Es bleibt den Betrachtern überlassen, die einzelnen Komponenten von „Einsamer Eros” zueinander in Beziehung zu setzen, den von der Künstlerin subtil angelegten Verweisen zu folgen – möglicherweise bis ins eigene Innere.

Works

Stilleben S.P., 2008, C-Print on Aludibond, 40,5 x 60 cm
Stilleben S.P., 2008, C-Print on Aludibond, edition of: 3+2 (a.p.), 40,5 x 60 cm
Dame mit Kaninchen, 2008, C-Print on Aludibond, 120 x 100 cm
Dame mit Kaninchen, 2008, C-Print on Aludibond, edition of: 3+2 (a.p.), 120 x 100 cm
ohne Titel, 2008, C-print, 41,5 x 30 cm
ohne Titel, 2008, C-print, edition of: 3+2 (a.p.), 41,5 x 30 cm
Acedia, 2008, C-Print on Aludibond, 67,5 x 50 cm
Acedia, 2008, C-Print on Aludibond, edition of: 3+2 (a.p.), 67,5 x 50 cm
Am Anfang, 2008, C-Print on Aludibond, 40 x 60 cm
Am Anfang, 2008, C-Print on Aludibond, edition of: 3+2 (a.p.), 40 x 60 cm
Der grosse Andere, 2009, C-Print on aludibond, 110 x 90 cm
Der grosse Andere, 2009, C-Print on aludibond, edition of: 3+2 (a.p.), 110 x 90 cm
Still II S.K., 2008, C-Print, 44 x 30 cm
Still II S.K., 2008, C-Print, edition of: 3+2 (a.p.), 44 x 30 cm
Stilleben S.K., 2008, C-Print on Aludibond, 46,5 x 35 cm
Stilleben S.K., 2008, C-Print on Aludibond, edition of: 3+2 (a.p.), 46,5 x 35 cm
ohne Titel, 2008, C-Print on aludibond, 100 x 64,5 cm
ohne Titel, 2008, C-Print on aludibond, edition of: 3+2 (a.p.), 100 x 64,5 cm
Stilleben S.W., 2009, C-Print on aludibond, 40 x 60 cm
Stilleben S.W., 2009, C-Print on aludibond, edition of: 3+2 (a.p.), 40 x 60 cm
Katze und Vogel, 2009, C-Print on aludibond, 90 x 60 cm
Katze und Vogel, 2009, C-Print on aludibond, edition of: 3+2 (a.p.), 90 x 60 cm
Einsamer Eros, 2008, C-Print, 24 x 20 cm
Einsamer Eros, 2008, C-Print, edition of: 3+2 (a.p.), 24 x 20 cm
Die 1976 in Cuxhaven geborene Künstlerin studierte bis 2006 an der Bauhaus-Universität Weimar. Im Zentrum ihres fotografischen Werks steht ein erweiterter Porträtbegriff. In der Werkgruppe „einsamer eros“ arbeitet sie seit 2008 an psychogrammartigen Porträts von jungen Frauen (Singles) in Form von Bild-Tableaus, die das traditionell präsentierte Gesicht der Porträtierten vermissen lassen, dafür jedoch szenografisch arrangierte Körperbilder, assoziative, symbolische und kunstgeschichtliche Verweise und kurze Notate versammeln, die geeignet sind, auf eine konkrete Person und ihre subjektive Befindlichkeit hinzuweisen. Das Porträtieren wird nicht mehr verstanden im Sinne der Methode „sich ein Bild vom Anderen machen“, sondern als Deutungsarbeit, die sich von verschiedenen Seiten einem individuellen Leben nähert, um es zu interpretieren. Dieses Moment der Interpretation, welche die Künstlerin leistet und die von den Betrachtern aufgegriffen und fortgeführt werden muss, tritt in den Tableaus offen zutage. Stets folgt die Deutung einer porträtierten Person einem bestimmten Erkenntnisinteresse: Bei Carina Linge ist es eine Frage, die in der modernen Gesellschaft mit ihren Möglichkeiten zur individuellen Wahlbiografie überhaupt erst virulent wurde: Warum die Lebensform „Single“ immer häufiger auftritt bzw. warum das Begehren nach erfüllter Zweisamkeit oft unerfüllt bleibt? Kai Uwe Schierz

Solo exhibitions:

 

2011

 

"Carina Linge - Einsamer Eros. Singles & Paare", Renaissancesaal Kunsthalle Erfurt,    Germany"

„über das Begehren", Kunsthaus Erfurt, Germany

"Einsamer Eros", Kunsthalle Harry Graf Kessler Weimar, Germany

"Singles/Couples", Gebrüder Marten Galerie Leipzig, Germany

 

2010

 

"Einsamer Eros", 4th European month of photography, Galerie Jarmuschek+Partner (project space Sophienstrasse), Berlin, Germany

„Lonesome Eros“, Galerie Jarmuschek+Partner Berlin, Germany

"Einsamer Eros", bautzner69 Dresden, Germany

 

Group exhibitons:

 

2011

 

„Unter Helden. Vor-Bilder in der Gegenwartskunst“, Kunsthalle Nürnberg, Germany

"it's not them, it's us", Pilotenküche Leipzig, Germany

 

2010

 

Preview Berlin, Galerie Jarmuschek+Partner, Berlin, Germany

„Various Artists“, Photo Edition Berlin, Germany

"Face to Face.German Contemporary Photography", at Dong-Gang Museum of Photography, Southkorea

„Fotosommer Stuttgart“, Award Show, Württembergischer Kunstverein Stuttgart, Germany

Voltashow Basel, Galerie Jarmuschek+Partner, Switzerland

 

 

2009

 

"Somit bleiben 33 Tage - Neue Fotografie aus Weimar", Jarmuschek+Partner (project space Sophienstrasse) Berlin, Germany

„Vom Labor zum Projekt", Neues Museum Weimar, Germany

„Sittenbilder", Altes Innenministerium Erfurt, Germany

„Max-Pechstein-Förderpreis 2009", Kunstsammlungen Zwickau, Germany

„Von hier aus, wohin?", F/Stop Internationales Fotografie Festival Leipzig, Germany

„ganz und gar", Pilotenkueche, Baumwollspinnerei Leipzig, Germany

„Stip.Visite", Thüringer Landtag, Erfurt, Germany

 

2008

 

„Project III", .HBC Berlin, Germany

„Klub 500", Kunsthaus Erfurt, Germany

„anwesend", Pilotenkueche, Baumwollspinnerei Leipzig, Germany

„Zerreissen und Zunähen hat seine Zeit", Kunsthaus Erfurt, Germany

 

2007

 

„Gastspiel", Galerie DoppelD Dresden, Germany

„Götter im Exil", Kunstraum Heinestrasse Weimar, Germany

„Begehungen", Festival für junge Kunst Chemnitz, Germany

„Ausstellung junger deutscher und polnischer Kunst", Friedrich-Schiller-Universität Jena, Germany

„Art on the edge, Weimar - New York", Kunsthalle Harry Graf Kessler Weimar, Germany

kunstart
Carina Linge
born 1976
in Cuxhaven (Germany)
lives and works in Weimar
Profile Page
Collection SØR Rusche, Oelde / Berlin
Collection Werner Grub, Berlin / London

 

Face to Face. German Contemporary Photography, Gruppenkatalog, Dong Gang, Südkorea 2010.

 

Carina Linge: Einsamer Eros, Ausstellungsbooklet bautzner69, Hesperus Verlag Potsdam/Dresden 2010.

 

Pilotenküche, Gruppenkatalog, Wien 2009.

 

Carina Linge, Hrsg.: Kunstsammlungen der städtischen Museen Zwickau, Zwickau 2009.

 

 

Press:

 

Das Magazin, „Carina Linge. Einsamer Eros“, February 2011, Berlin 2011

 

Arte Al Limite, „Carina Linge. Alegorias del desamparo“, January / February 2011, Santiago de Chile 2011

 

LVZ, „Nackte Tatsachen in der Menckestraße: Gebrüder Marten Galerie ab Sonntag mit Bildern von Carina Linge“, 22.01.2011, Leipzig 2011

 

Der Tagesspiegel, 18.06.2010, Berlin 2010

 

uMag, „Nackte Einsamkeit, Carina Linge . Einsamer Eros“, May 2010, Hamburg 2010