Was kann Malerei heute noch? Angesichts der zahllosen künstlerischen Techniken und Medien, in denen heute produziert wird, ist diese Frage legitim. Die Antwort ist denkbar einfach: Da es nun so viele Medien gibt, muss nicht mehr jedes Medium alles können. Malerei muss nicht mehr die ganze Welt erklären oder Geschichten erzählen ... Gute Malerei ist also nur jene Malerei, welche uns Erkenntnisse vermittelt, die sonst verborgen blieben. The medium is the message.
Kunst entsteht im Betrachterauge
Die Malerei von Thomas Reinhold leistet seit Jahrzehnten genau diesen Destillierungsprozess. Von den figural-emotionalen Eruptionen seiner "wilden" Malerei der 1980er-Jahre führt ein langer Weg der Klärungen und Konzentrationen zu den aktuellen Bilderserien "Enchanté" und "Netze". Die Serientitel beschreiben zunächst nur Stimmungen und Strukturen, sie sagen noch nichts über Inhalte. Inhalte? Wenn das oben Gesagte zutrifft, wenn also die Treue des Mediums gegenüber seinen eigentümlichen, unübertragbaren Ausdrucksweisen wesentlich ist, dann besteht der Inhalt aus eben diesen Stimmungen und Strukturen. ... Gerade die Reduktion auf abstrakte Rinnsale führt zu einer Vielzahl von Assoziationen, die man mit diesen Farbbahnen verbindet. Von der Erinnerung an Gebautes und Gewachsenes bis zur Frage, wie denn solche Strukturen überhaupt entstehen, schließt sich eine lange Reihe lustvoller Entdeckungen an die erste Wahrnehmung der Bilder.
Gewicht und Akkorde
Reinhold arbeitet mit penibel ausgetüftelten Mitteln. Das beginnt schon bei den Grundierungen der Leinwände. Die Halbkreidegründe werden oft subtil mit Blau oder Grünpigmenten angereichert. Das Anmischen der Farben dauert lange, das Auftragen und die Wirkung, insbesondere hinsichtlich ihrer Transparenz, wird genau überprüft, bevor es an die Leinwand geht. Dann jedoch beginnt ein neuer autonomer Schöpfungsprozess, der trotz Skizze im Detail nicht mehr exakt vorgeplant werden kann. Die Ölfarbe wird fast dünnflüssig aufgetragen und verschoben. Oder sie rinnt in eine bestimmte Richtung. Der "magere" Halbkreidegrund saugt aus den flüssigen Farben Terpentin, das dann wie ein Schatten die Farbbahnen umfängt. Verschiedene Grade von Transparenz sind für die Entstehung von Raumeffekten ebenso bedeutsam wie die Farbkontraste und Klänge. ... Einige Formen scheinen zu schweben, andere wirken eher gravitätisch. All das sind Malerei-interne, Malerei-typische und unübertragbare Findungen, die dem uralten Medium tatsächlich neuartige sinnliche Erlebnisse entlocken können.
Zit. Matthias Boeckl, in "Zeitlose Sinnlichkeit", PARNASS Kunstmagazin Wien, Heft 3/2009