Bildbetrachtung der MODELL-WELTEN
Von Kristina Piwecki
Im Kontext kunstgeschichtlicher Entwicklungsphasen haben sich die Produktionsbedingungen stets geändert und die Künstler zu neuen Ausdrucks-möglichkeiten inspiriert. Entscheidend ist die Zeitgenossenschaft der künstlerischen Auseinandersetzung, wenn das Kunstwerk seinen aktuellen Stellenwert einfordert.
Matthias Zimmermann, der an einer Hochschule für Gestaltung und Kunst und Hochschule für Musik studiert hat, stellt sich mit sorgfältig durchdachten Konzepten, zeichnerischer Präzision und malerischer Innovationskraft den Herausforderungen von Cyberspace und Digitalität. Mit künstlerischem Aplomb und hohem technischen Können generiert er virtuelle Welten, die unserer Wahrnehmung ein völlig neues Erkennungsprofil abverlangen.
Die spannungsvoll komplexen MODELL-WELTEN von Matthias Zimmermann zeitigen einen wesentlich erweiterten Begriff traditioneller Kunstvorstellung. Es sind vorwiegend diffizile Raumkonstrukte, die mit historischen und topographischen Anspielungen Realität suggerieren. MODELL-WELTEN nennt denn auch Matthias Zimmermann sinnigerweise seine Kunstwerke, die kalkülhaft von algorithmischen Intervallen bestimmt sind.
Illusionäre Raumverschiebungen werden nach geometrischen und hypergeometrischen Konzepten so raffiniert ins Bild gesetzt, dass sich die inhaltlichen Vorgaben dem Betrachter erst auf den zweiten Blick entschlüsseln. Das Enträtseln aller bildungsträchtigen Versatzstücke bleibt eine spannungsreiche und lohnende Aufgabe, gewissermassen ein «kreativer» Kunstgenuss. Zudem scheint ein integraler musikalischer Rhythmus diesen Bildern einen eigenen Klang zu geben, der nicht unwesentlich die Binnenstruktur der Bilder bestimmt. Immer wieder findet das reiche Erlebnis- und Vorstellungs-Repertoire des Künstlers Eingang in die MODELL-WELTEN.
Aller kühnen Digitalisierung geht eine sehr aufwändige Skizzierung und Zeichnungsarbeit voraus. Was sich so äusserst präzis auf der Leinwand präsentiert, ist das Resultat einer mühevollen Tüftelei, bei der jedes Detail seinen klar zugeordneten Stellenwert hat.
Trotz frappanter Präzision sind auf diesen umfassend vielseitigen Panorama-Bildern starke sinnliche Momente auszumachen, die auf autobiographische Erlebnisse und Kindheitserinnerungen hindeuten. Es ist interessant zu beobachten, dass trotz artifizieller Brechung auch eine traditionell romantische Vorstellungskraft die Bilder mit einer sublimen Poesie durchatmet.
«Die gefrorne Stadt» ist der Titel eines vorwiegend in Grisaille gemalten Bildes. Eine grau-bläuliche Kälte weht aus dieser Komposition, in der einzelne und hier auch vereinzelt dastehende Objekte wie «eingefroren» wirken. Im Vordergrund erkennt man ein berühmtes Schweizer Bergmassiv mit Eiger, Mönch und Jungfrau. Daraus tauchen in stereometrischer Anordnung kompakte Häuser auf.
Über Viadukte und durch Tunnel fahren spielzeughaft Eisenbahnen, die zu der kalten Starre einen sanften Bewegungsrhythmus hinzufügen. Aus parallel gestellten Fabrikschloten qualmt es bedrohlich. Die Stiftskirche von Luzern symbolisiert mittelalterliche Strenge. Eine trutzige Burg lässt an das Schloss Chillon am Genfersee denken. Der Zytglogge-Turm von Bern bringt helvetische Heimlichkeit mit ins Bild und kontrastiert gleichermassen futuristische Gebäude.
Kreissegmente als rhythmische Reflexe einer untergehenden Sonne, die gleissend den Horizont beherrscht, verleihen dem Bild eine leicht schwingende Ausstrahlung. Man gewinnt den Eindruck, die Szene sei mit einem «Fischauge» aufgebaut.
Exakt um diese Raum- und Zeitverschiebungen geht es Matthias Zimmermann. In präziser Anordnung und mit kubistischer Absicht lotet er damit die Möglichkeiten unterschiedlicher Zeitebenen und Perspektiven aus. Durch manipulative Digitalisierung gewinnen Lichtquellen eine fast magische Intensität.
Mit dem Bild «Die geknickte und verbogene Stadt» irritiert Matthias Zimmermann unser Auge durch eine Multiperspektive, die uns an die vertrackten Bilder von Escher erinnert. Er durchbricht ge-schickt die konventionelle Wahrnehmung und generiert ein neues Bild – so wie es auch schon Georges Braque (1882 – 1963) und Pablo Picasso (1881 – 1973) in ihrer kubistischen Phase erprobt haben.
Das Auge des Betrachters wird animiert, die verschiedenen Raumschichten wiederholt zu durchwandern, um dabei immer wieder neue strukturelle Winkelzüge zu erkennen und zu erkunden.
«Die Hafenstadt an der Meeresecke». Dieser virtuellen Hafenstadt liegt das berühmte Gemälde von Jan Vermeer (1632 – 1675) zugrunde, das dem Künstler als geistige Inspirationsquelle diente.
Alle physikalischen Gesetze – wie die Fliessbarkeit des Wassers und die Erdanziehungskraft für fallende Gegenstände - werden hier mutwillig ausser Kraft gesetzt.
Das Meer, in zarte, kunstvolle Wellen gebündelt, bleibt in seinen geometrischen Strukturen verhaftet, bleibt wie in einer künstlichen Starre gebannt. Auch die Schiffe, mit ihren prismatischen, pyramidialen Aufbauten wirken wie Applikationen und sind wie in einem Spielzeugland unterschiedlich ins Bild geschichtet. Eine Ampel signalisiert die Kanalzufuhr ins Meer. Man erkennt in der Umkehrung des Horizontes die Farben der niederländischen Flagge und kombiniert jetzt die Verbindung zu Jan Vermeers berühmten Hafenbild: «Ansicht von Delft». Das Decodieren der einzelnen Symbole ist zur inhaltlichen Aufgabe geworden.
Mit diesem grandiosen Nebelbild «Die vier Eingänge am Rande eines Nebelraumes» ist Matthias Zimmermann ein sensibles Stimmungspanorama gelungen, das den aufmerksamen Betrachter meditativ davor verweilen lässt. Auch hier handelt es sich wieder um eine ungewöhnliche Modell-Konstruktion, die von der Magie ihrer sanft verwehten Aura bestimmt ist. Wir denken assoziierend an eine japanische Tuschmalerei. In behutsamer Verschleierung und Unschärfe wird eine Landschaft sichtbar, die mit rhythmisch wiederkehrenden Elementen wie eine leise Melodie anklingt. Auch hier wurde durch intensive Arbeit am Computer das Beleuchtungsszenario akribisch ausgelotet. Der stillen meditativen Landschaft sind nur in leicht bedrohlicher Form ein paar Fabrikschlote zugesellt, die wie ein Bruch die Idylle auf ihre Fragilität verweisen.
Das 100 x 280 cm grosse Gemälde «Morgendämmerung hinter einem Zengarten» spielt mit den Begriffen Energie und Materie. In fein ausdifferenzierter Wechselwirkung werden unsere Empfindungen für Kompaktheit und endlose Weite in spannungsvolle Beziehung gesetzt. Der Zen-Garten gilt hier als schlichtes Konstrukt für geistige Vertiefung. Klare Vereinfachung und Raum für erholsame Traumwelten sind stilistische Implikationen für dieses Bild.
Alle Bilder sind von sehr aufwändigen Arbeitsprozessen getragen. Der Weg von der Imagination über konzeptuelle Ausarbeitung ist mühevoll und spannungsreich. Bis zur perfekten Realisation mittels hochwertigem Acryldruck auf Leinwand und Versiegelung durch einen Firnis bedarf es geduldiger künstlerischer Anstrengung und grosser Kreativität.
Kristina Piwecki
Zürich, im Februar 2011
Kristina Piwecki ist Germanistin, Kunsthistorikerin und Redaktorin BR.
Sie ist Dozentin für Kunstgeschichte und Studienreiseleiterin