Casting Shadows
„Wir benützen das sinnlich wahrnehmbare Zeichen
als Projektion der möglichen Sachlage.“
(Ludwig Wittgenstein)
Ich zeige dir einen Schatten und du nennst mir den Gegenstand, der den Schatten wirft – ein interessantes Spiel, insbesondere, wenn man nichts über das Licht und die Beschaffenheit des Untergrunds weiß, auf den der Schatten fällt. Da es unzählige mögliche Gegenstände gibt, die den selben Schatten erzeugen können, verweist ein Schatten genau genommen nicht auf einen Gegenstand sondern auf mögliche Welten.
Auf die selbe Weise konstruiert unser Gehirn eine reiche, bedeutungs-geladene dreidimensionale Welt aus einer zweidimensionalen Licht-Projektion auf unserer Retina. Dieser Rekonstruktion wohnt die Magie des Unmöglichen inne, denn wie im Fall des Schattenwurfes gibt es unzählige mögliche Welten, die wir aus dem Gesehenen rekonstruieren können.
Nina Annabelle Märkls Arbeiten legen diesen Prozess der Welterzeugung offen, machen ihn transparent und erfahrbar in all seiner Ambivalenz und in seinem Reichtum – und sie tun das mit größtmöglicher Präzision und Lakonie.
Das Selbstverständliche wird zum Faszinosum, man fragt sich, beobachtend:
Wie entsteht ein Gegenstand, eine Geste, ein Gefühl aus einer Linie? Wie passen Raum und Objekt zueinander? Wie passt der Mensch zu seinem Körper und zu den Objekten seiner Welt?
Der Raum wird menschenartig, der Mensch verschmilzt mit den Dingen und wird aus ihnen geboren. Märkls Arbeiten sind dabei immer apophatisch: sie verweisen mit dem Sichtbaren auf das Unsichtbare, Unbenennbare. Eine Panzerung evoziert Verletzlichkeit, kybernetische Prothesen zeigen Verwundbarkeit, anmutige Zartheit wird Gewalt. Man beobachtet Dinge, die sich gerade erst formen, in denen aber schon alles angelegt ist, gleich einem Embryo, gleich einer totipotenten Stammzelle.
Nina Annabelle Märkl durchbricht dabei in ihren raumbezogenen Zeichnungen, ihren Dioramen und Installationen die unsichtbare Vierte Wand: sie provoziert den Betrachter, fordert ihn zum genauen Sehen, weist ihn zurück, um ihn kurz zu belohnen, führt ihn auf Abwege und gibt dem Betrachter die Lust an einer Welt, die geboren wird aus dem Schatten seiner Wahrnehmung.
David le Viseur, Philosoph und Neurowissenschaftler