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Interview mit dem Direktor der New York Biennale, Pietro Franesi

Alles Feste zerrinnt in die Luft

1. Was ist die NY Biennale Art?
Die NYBA will einen neuen Platz im Gefüge der New Yorker Kunstszene erschließen.
Die NYBA ist meine Vision, es ist ein Projekt, es ist ein Logo, keinesfalls aber eine Vereinigung oder ein Geschäftsmodell.

2. Was bedeutet Biennale?
Heutzutage wird New York als die internationale Hauptstadt für zeitgenössische Kunst verstanden, hatte aber bisher keine Veranstaltung, die diesem Anspruch Geltung verleiht.
Die NYBA sieht sich in der Rolle diese Lücke zu schließen, indem sie alle zwei Jahre, die besten internationalen Kunstwerke, die „Avant Gardisten“ und all diejenigen, die versuchen die Grenzen der Kunst zu erweitern, nach New York holen, insbesondere die neue Künstler Generation.

3. Hat die Veranstaltung ein Leitthema?
Ja der Titel dieser Edition, der Biennale heißt ALL THAT IS SOLID MELTS INTO THE AIR (frei: Alles Feste zerrinnt in die Luft). Jede Materie besitzt während ihrer Entstehung eine Doppelnatur: Partikel oder Welle, abhängig von der Entscheidung wie man Maß anlegt. Diese Doppelnatur der Materie ist eher das Ergebnis, der Wechselwirkung innerhalb der Materie selbst, als die intrinsische Eigenschaft der Wirklichkeit, welche sich definiert über Klarheit und Unabhängigkeit.
„Innerhalb der physischen Realität sind virtuelle Zustände, Teil des Königreichs der Möglichkeiten, da in ihnen die zukünftigen empirischen Hoffnungen des Universums verborgen sind. „
Es existiert eine unsichtbare virtuelle Dimension, deren direkter Einfluss auf die sichtbare Wirklichkeit unmöglich in ihrem Ausmaß feststellbar ist.
Bis zum heutigen Tag hat die Kunst sich mit dem sichtbaren Teilchen auseinandergesetzt, es beobachtet und gezähmt. Nun aber müssen wir voranschreiten in die virtuelle Dimension (der Welle).
Die Revolution der Quanten Physik besteht nicht aus dem Bewusstsein über die Macht von Einflüssen selbst, sondern darin das man sie nicht kontrollieren kann: es ist nicht möglich den Einfluss des Beobachters zu berechnen.
Das Prinzip der Unschärferelation wurde 1927 von Heisenberg entdeckt und postuliert das es unmöglich ist gleichzeitig Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens vorherzusagen: die Messung einer von beiden Variablen beeinflusst den Wert der Anderen.
Diese Entdeckung nötigt uns zu einem drastischen Umdenken, wenn nicht gar dazu Determinismus und Kausalität aufzugeben. Eine neue berauschende und aufregende Entdeckung, die umwälzende Auswirkungen auf die zeitgenössische Kunst wie auch auf Wirtschaft, Philosophie, Wissenschaft und unser eigens Leben haben wird
Die New York Biennale Art wird das Manifest des Immateriellen werden. Unsere Vision ist nicht wirtschaftlich  geprägt, sondern will die Künstler vorantreiben, welche das künstlerische Schaffen in diesem Bereich intensivieren.
Wir streben an das Künstler und, im Großen, die zeitgenossischen Gesellschaft sich erneut verpflichtet die materiellen Werte (die Vorherrschaft der Wirtschaft, den Determinismus, Kausalität und Globalisierung), durch Immaterielle (nachhaltige Wirtschaft, Indeterminismus, Vollständigkeit und Lokalisierung) in ihre Schranken zu verweisen.
Zusammenfassend soll der Mensch das Ziel im Auge behalten nicht die Mittel.

4. Ist dies Ihre erste Biennale in New York?

Ja das ist sie.

5. Wodurch wurden Sie zu Ihrer Show inspiriert?
Zeitgenössische Kunst ist wie eine Droge es vermag Dich traurig zu machen und zu begeistern. Es ist ein intelligentes Prozac, das Einem dabei hilft sich zu kontrollieren, anregt dem Big Brother eine angemessene Antwort entgegenzustellen, manchmal ist das ein neureicher Millionär oder ein Internationaler Finanzfond.
Die Kunst hat Ihren Nimbus vom vorpreschenden Antagonisten eingebüßt, und akzeptiert eine verzückende Zierde des neuen Herrschers zu werden ein Finanzprodukt.
All dies ist obsolet.
Der Immaterialismus wird das Trojanische Pferd mit dem das System eingerissen wird, welches die zeitgenössische Kunst nährt und führt.
Die neuen Streiter sind jetzt der Immaterialismus und der Materialismus, vor 50 Jahren waren es der Kommunismus und der Kapitalismus.
 
6. Was unterscheidet Ihre Show von Anderen?
Die Freiheit nur Künstler auszuwählen die experimentieren. Diese beschreiten Pfade außerhalb der eingetretenen Marktstraßen. Als Beispiel, ich habe eine menge deutscher Künstler eingeladen, eben Künstler die in Berlin leben und arbeiten, weil in meinen Augen Berlin für Kunst wie ich sie vorstellen will, der beste Ort ist. In dem Augenblick, da Berlin bewusst wird, das es die höchst entwickelte und authentischste Kunstgruppe auf diesem Planeten besitz, wird sie die Vorherrschaft New Yorks brechen.
Nicht eben nur Geld wird über die Zukunft der zeitgenössischen Kunst entscheiden. Geld ohne Visionen erschafft lediglich Katastrophen und Monster.
Die Künstler verleit jeder Show Einzigartigkeit oder verleidet sie.

7. Welche Verbindung, falls vorhanden gibt es mit der Biennale in Venedig und Florenz?
Es gibt keinerlei Verbindungen. Ich habe die Biennale Venedig besucht und gratuliere öffentlich ihrem neuen Direktor Daniel Birnbaum, gleichwohl kritisiere ich, leider werden die Besten nur berufen, wenn das Budget schrumpft.
Der chinesisch und der russische Pavillon waren sehr gut. Die Ausstellung die mich durch Qualität, Klasse, Eleganz und Innovation am meisten beeindruckt hat, waren die Installationen des Ukrainischen Pavillons.
Ein Juwel Immaterieller Kunst.                                                         
 
8. Was wollen Sie mit der Show erreichen?
Ich will dem Kunstmarkt einen zugänglicheren Umgang mit zeitgenössischer Kunst eröffnen, der die bestehende kulturelle und kommerzielle Hierarchie durchbricht.

9. Erzählen Sie von sich, Ihrer Herkunft. Sind Sie Künstler, ein Kunstinteressierter, ein Geschäftsmann oder von alledem ein bisschen? Was aus Ihrem Leben prädestiniert sie für diese Aufgabe?

Ich habe begonnen in St. Petersburg, Russland, Kunst zu sammeln, als ich dort 10 Jahre ,1989-1999, lebte und als International Marketing Adviser tätig war.
Ich wechselte Dollar in Rubel um Kunst zu kaufen, so begann meine Leidenschaft. Später habe ich mich aus dem internationalen Finanzmarkt zurückgezogen, um mich meinen neuen Unterweisungen im Hermitahe, dem Russischen Staats Museum, der Tretyakov Galerie und den Ateliers von vielen russischen Künstlern zu widmen.
Im Jahr 2000 war ich der Direktor einiger zeitgenössischer Galerien, 2003 begann ich mich mit dem New Yorker Kunst Markt zu befassen, und eröffnete 2005 meine eigene Galerie, das NY1 in 515  West  25th Street, New York. Heute organisiere ich die NY Biennale Art 2009.
Ich liebe es mit Künstlern zusammenzuarbeiten, die nach neuen Wegen suchen Formen und Inhalte auszudrücken, vor allem, wenn verbunden mit den Immateriellen Werten.
Ich glaube an das revolutionäre Momentum, die Katharsis, durch das aufeinander treffen alter Werte, der Materiellen Bewegung (Geschäft& Blut) und den neuen Werten der Immateriellen Bewegung (Nachhaltigkeit& Ethik).
Kunst war der Gefolgsmann und der Erschaffer des alten Systems.
Jetzt richte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf diesen neuen Abschnitt in der Menschheitsgeschichte, Immaterialität und Qualität werden Materialität und Quantität überleben.
 
10. Welche Genres hat die Show? Werden Installationen, Performances, die Avant-Garde überhaupt einen Platz erhalten?
Wichtig ist der Prozess, nicht das Objekt. Das ist die Aussage.
Wenn wir qualitative Kunst wollen die spekulative Blasen vermeidet, müssen wir Künstler erwählen die am Prozess arbeiten, an der Konzeption, am Konzept.
Qualität belohnen heißt Künstler auswählen die wenig produzieren und nicht reproduzierbar sind.
All diese Künstler sind fähig, Früchte aus der Zusammenarbeit mit Anderen zu ziehen um Sichtbare Kunst beizusteuern. Der Künstler wird, mehr und mehr, eine Gruppe und eine multidisziplinäre Entität.

11. Wer sind den einige der unterstützten Künstler?

Wir sind bei 100, angefangen haben wir mit 12000, aber wir haben die Künstler aus den Galerien nicht gekannt. Es gibt eine Menge großer Künstler, die wir noch nicht kennen. Wir suchen nach ihnen. Das ist unsere Mission.

12. Wie haben Sie die Künstler für die Show ausgewählt? Vorher haben Sie gesagt, dass Sie jüngere Künstler und aktuellere Arbeiten zeigen wollen. Wieso ist das wichtig für Sie?
Wir wählen die Künstler von der Straße und aus dem Internet. Ich will jüngere Künstler und aktuellere Arbeiten in der Show zeigen, weil wir in die Zukunft voranschreiten müssen, nicht um innezuhalten oder zurückzufallen. Deshalb müssen wir neue Ideen berücksichtigen, die neusten und Innovativsten.
 
13. Wird es viele italienische Künstler geben? Weshalb?
Es sind viel italienische Nachnamen, aber es sind sowohl Amerikaner, als auch Italiener.
Das Problem ist nicht der Reisepass sondern die DNA. Als Italiener oder Europäer hat man in seinem Blut die DNA von Giotto, Michelangelo, Leonardo, Albrecht Dürer, Rubens und so weiter.
Kreativität ist die Tochter der Geschichte.
 
14. Wenn Sie theoretisch die Wahl hätten Ihre Favoriten auf der Biennale zu haben, wer wäre es? Andy Warhol?  Caravaggio?  Rembrandt?
Rothko.
Er erlebte die Renaissance. Er hat über den Tellerrand seiner Leinwand gesehen, er führte uns in die Immaterielle Dimension, in der „Alles Feste zerrinnt in die Luft“.

15. Wird das Gelände in New York City sein? Welche Orte?
Die Arbeiten und Installationen werden an vielen prominenten Örtlichkeiten in Manhattan aufgestellt werden, an denen sie leicht für die Menschen zugänglich sind: Battery Park, City Hall Park, Washington Square, Waterfront 12th Ave. Chelsea, Union Square, East River Park, Grand Central, T. Warner Gebäude, Penn Station, Bryant Park, UN und Central Park.
Es finden viele Guerilla Events statt.                                          

16. Wie beurteilen Sie die New Yorker Kunst Szene?
Viele Produkte, eine Vielzahl an Verschönerungen, nicht viel Kunst.
Der Kunstmarkt honorierte, und honoriert immer noch die Reproduzierbarkeit, die Technik, das Objekt.
Man ist gewohnt Kunst zu kaufen wie Tomaten oder Wertpapiere.
Die Kosten sind außerhalb jedes logischen Marktumfeldes.
Mieten, Kommunikation und Transport richten hunderte von Galerien zugrunde, und eine große Zahl von Künstlern fliehen aus New York.
Chelsea ist eine Wüste. Die Neuen Realitäten Williamsburg oder Bushwick sind nur Modegeister. Sie blühen für einen Monat und verschwinden daraufhin. Messen werden immer teurer und verkaufen nicht.
Die Party ist vorbei. Der zeitgenössische Kunstmarkt muss sich wandeln, oder er wird sterben. New York hat Probleme mit, Finanzen, seinen nerven, aber vor allem mit seinen Visionen.
 
17. Sehen Sie New York immer noch als die Kunsthauptstadt der Welt? Welche anderen orte sind Ihrer Meinung nach wichtig?
New York City ist die Hauptstadt der zeitgenössischen Kunst, aber wenn es sich nicht verändert, dann wird es seine Vormachtstellung verlieren.
Neue Künstler haben die Bühne betreten und wollen die Hauptrollen. Auf der einen Seite macht es in dem globalen Dorf keinen Unterschied, wo man ist, aber wer man ist und was man macht.
Zwei Ereignisse werden in der Kunstgeschichte unvergessen bleiben.
16. September, 2008
Damien Hirst verkauft für 200 Millionen Dollar über Sotheby’s, geradewegs an den Käufer.
25. April, 2009
Goodbye Gagosian und White Cube
Victor Pinchuk eröffnet sein eigenes Museum mit 200 Arbeiten von Damien Hirst.
Jetzt wollen die Sammler die historischen Strukturen aufbrechen und als die neuen Prinzen verstanden werden, die Künstler treten ab und die Hauptrolle des Marktes wird der Sammler.
Galerien und Händler werden verschwinden. Die Sammler verlangen eine unmittelbare Verbindung mit dem Künstler. Museen müssen Mittelpunkt für künstlerische Werke von hoher Qualität werden, Messen sich auf die Künstler konzentrieren.
Vom Objekt zum Prozess, von der Reproduzierbarkeit zur Einmaligkeit, von Prozac zu “Brunello di Montalcino” , aus New York wird die verdrahtete Stadt, all dies beschreibt eine Revolution, welche die Kunst und noch mehr verändern wird.

18. Haben Sie einen besonderen Traum?
Ja, ich würde heute gerne mit einigen Künstlern zusammen einen vorgegebenen Bereich des Immaterialismus erkunden, angefangen mit dem neuen Wissen der Quantenmechanik. Ich denke, dass dieser Weg die Kluft zwischen dem Westen und dem Osten, dem Christentum und dem Islam, schließen kann, und eine neue universelle Philosophie werden kann.